Review: Lost Girl. Im Schatten der Anderen by Sangu Mandanna

Mittwoch, 21. November 2012




Gebundene Ausgabe 488 Seiten
ISBN 9783473400805 Ravensburger Verlag


Serie: -- [Stand Alone]
Originaltitel: The Lost Girl




„Die Eltern der Anderen haben ihre Erschaffung in Auftrag gegeben. Die Andere ist das Original, sie ist die Kopie. Alles, was sie tut, hängt von der Anderen ab. Und wenn sie sich nicht an die Regeln hält, ist ihr Leben in Gefahr.
Amarras Eltern lieben ihre Tochter so sehr, dass sie eine Doppelgängerin erschaffen lassen. Sie wächst abgeschottet von der Außenwelt auf und hat nur eine Bestimmung: die echte Amarra im Todesfall zu ersetzen. Darum muss sie wissen, was Amarra weiß; essen, was Amarra isst; lesen, was Amarra liest. Und obwohl sie nur lieben darf, wen Amarra liebt, verliebt sie sich Sean, einen ihrer Betreuer – ein lebensgefährlicher Verstoß gegen die Spielregeln eines grausamen Experiments.“

Review
Bereits als ich die Rezension von Tina von Reading Tidbits gelesen habe war mir klar, dieses Buch muss ich auch lesen und dass es ein Stand Alone ist machte die Sache nur besser. Kurze Zeit später gab es bei Blogg dein Buch eben die Chance auf dieses Buch und diese habe ich genutzt. Als es nun ans Lesen ging war ich erst etwas skeptisch, obwohl ich nicht sagen kann woher diese Einstellung kam, schließlich hatte ich nur positive Aspekte gehört. Doch diese Skepsis sollte nicht lange Bestand haben, schlussendlich habe ich die Seiten verschlungen, fast schon inhaliert, wenn man bedenkt, wie rasch ich doch durch war. Das ist Sangu Mandanna zu verdanken, die hier nicht nur eine interessante Welt und eine liebenswürdige Protagonistin erschaffen hat, sondern die mit ihrem fesselnden Schreibstil zu überzeugen weiß. Die Geschichte liest sich sehr flüssig, es gibt kaum Szenen, die die Handlung künstlich in die Länge ziehen würden oder die Handlung abschwächen. Mit diesem Buch hat sie ein rundum abgestimmtes Werk präsentiert und fast finde ich es schade, dass es nur ein Stand Alone ist.

Von der Grundidee her hat mich Lost Girl. Im Schatten der Anderen sehr fasziniert. Von manchen Menschen werden Echos angefertigt, die im Falle des eigenen Todes ihren Platz übernehmen sollen. Dafür studieren die Echos jeden Tag ihr ‚Original’ und lernen alles was diese wissen und getan haben. Dass es hierbei für die Originale auch eine Schattenseite gibt zeigt uns Amarra, deren Unwillen man mit der Zeit immer besser versteht. Trotzdem belässt es Sangu Mandanna aber nicht bei dieser Perspektive und versucht die Situation von allen Seiten zu beleuchten und in der Beschränktheit des Buches doch eine durchdachte Welt zu präsentieren. Wie ich meine, ist ihr das durchaus gelungen. Inhaltlich ist das Buch in drei Teile unterteilt, wobei mir der zweite Abschnitt emotional gesehen am Besten gefallen hat.

Die Liebesgeschichte war nicht so sehr im Vordergrund wie man es vielleicht erwartet. Es ist definitiv keine Liebe auf den ersten Blick, die beiden Protagonisten kennen sich schon seit Längerem, wissen aber, dass ihre Gefühle füreinander verboten sind. Dennoch entwickeln sich zarte Bande, die weder räumliche Distanz noch Zeit trennen können und so ist ihr Zusammenkommen nach einer längeren Trennung eine natürliche Entwicklung. Es gibt keine merkwürdigen Momente, was einerseits aber auch bedeuten könnte, dass sie sich nicht weiter entwickelt haben und demnach die Gleichen geblieben sind. Aber wir wollen es ja nicht so negativ sehen.

Aus Evas neuer Familie fand ich den Bruder noch am Interessantesten. Er ist ihr vom Alter her am Nächsten und obwohl er eher ruhig ist, beobacht er alles was um ihn herum geschieht und steht Eva immer zur Seite. Der Vater dagegen war emotional sehr distanziert und man fragt sich unwillkürlich warum er sich überhaupt für Echos seiner Kinder entschieden hat. Diese Entscheidung dürfte wohl vielmehr von der Mutter ausgegangen sein, die die Echos nur als körperliche Hülle sieht, in der die Seelen ihrer Kinder im Fall der Fälle weiter leben könnten. Als sie merkt, dass das nicht der Fall ist bricht für sie eine Welt zusammen, was die Autorin wiederum sehr gut beschrieben hat. Bei jenen Personen, bei denen Eva aufgewachsen ist, hat die Autorin aber mehr Feingefühl bewiesen und sie facettenreicher und gefühlsechter beschrieben. Ihre doch schwierige Position zwischen Eva und den Meistern war gut verständlich und nachvollziehbar und man schließt sie sofort in sein Herz, wenn man erfährt, dass sie Eva beschützen.

Lost Girl. Im Schatten der Anderen hat viele emotionale Momente – im Leben als Echo selbst, in Evas erster Familie, die Trennung von dieser und schließlich die Auseinandersetzung mit ihrer neuen Umwelt. Das Auftauchen eines bestimmten Briefes war für mich dann der Höhepunkt dieser Gefühlsachterbahn, bis zu der ich immer wieder mit den Tränen zu kämpfen und nicht selten eine verschwommene Sicht auf die Wörter hatte. Aber wie gesagt haben wir den Höhepunkt dann erreicht und die Geschichte danach konnte mich emotional nicht mehr so ansprechen, wie es zu Beginn war.

Im letzten Drittel beweist die Autorin dann, dass sie auch einen Spannungsbogen aufbauen kann und die Ereignisse überschlagen sich fast. Dennoch hat sie mich hier leider verloren, als Leser wird man etwas an den Rand gedrängt und verliert auch den Zugang zu Eva. Es ist zwar uneingeschränkt ein tolles Ende und als Leser bleibt man nicht in der Luft hängen, aber mir fehlten das Gefühl, das mich am Anfang des Buches so gepackt hatte und ein gewisser dramatischer Unterton. Und obwohl die Geschichte an sich wirklich toll war, konnte ich nicht alles verstehen – so blieb für mich bis zur letzten Seite unklar, wie eine Gruppe Schüler so ein ‚Geheimnis’ vor allen anderen verbergen konnte und sich absolut niemand verraten hat. Neben einigen offenen Fragen war es das zum Schluss aufkommende Gefühl der Oberflächlichkeit die das Leservergnügen dämpfte.

Ein Stand Alone, ein gefühlvoller Einstieg, eine tränenreiche Handlung, ein spannender Schluss – als Leser könnte man sich eigentlich keine interessantere Mischung wünschen. Wäre der Schluss mehr wie der Anfang gewesen hätte das aber eher meinen Erwartungen entsprochen. Dennoch fällt mein Fazit sehr positiv aus und ich kann das Buch durchaus empfehlen!
Inhalt und Cover © Goodreads.com / Ravensburger Verlag

Kommentare:

  1. Hallo Melanie!

    Vielen Dank für die schöne Rezension. Das Buchcover habe ich schon mehrmals gesehen, allerdings wusste ich nicht genau, worum es bei dem Buch geht.

    Das Thema Klone als Ersatzteillager ist ja nichts Neues, Klone als emotionaler Ersatz im Todesfall, das ist allerdings neu. Ich finde den Gedanken auch nicht besonders naheliegend, denn die Probleme, die ja auch im Buch aufzutreten scheinen, liegen ja auf der Hand: Wie soll ein Mensch, der in einer anderen Umgebung aufwächst (auch wenn versucht wird, die "reale" Umgebung nachzustellen), ein 100% Ersatz für einen anderen Menschen sein? *kopfkratz*

    Dennoch finde ich die Idee echt interessant und das Buch scheint ja auch ziemlich gut zu sein.
    Wunschliste hallo!

    Viele Grüße
    Miyann

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    1. Huhu Miyann!

      Genau, die Grundidee fand ich auch faszinierend und eben weil wir durch Amarras Geschwister zusätzlich andere Blickwinkel auf die Echos bekommen. Ich hätte es ja auch schon gefunden, wenn Eva ein anderes Echo kennen gelernt hätte, jemanden wie sie, aber das wäre für einen Stand Alone wahrscheinlich zu viel verlangt gewesen...

      Und der emotionale Aspekt wurde wirklich gut beleuchtet und durch die unterschiedlichen Sichtweisen der Eltern noch verstärkt. Dreh- und Angelpunkt im letzten Drittel wird dann schließlich auch welche Rechte soll ein Echo haben, hat es eine eigene Seele, darf es eigene Entscheidungen treffen etc. Die Autorin hat also durchaus mit Ideen gespielt und moralische Aspekte einfließen lassen.

      Aber lies es am besten wirklich selbst und vielleicht beantworten sich dann deine Fragen von alleine. Es ist nämlich gar nicht so einfach Antworten zu finden :)
      Liebe Grüße, Melanie

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  2. Huhu Mel,

    ahhhh wieder eine schöne Rezi :) Es ist zudem auch anscheinend ein sehr sehr gutes Buch! Nur scheint es mir das es wirklich oft höchst dramatisch ist, kann es mir gut vorstellen und ich glaube dann bleibt mein Herz stehen :/ *seufz* aber schöner Titel, schönes Cover und schöner Inhalt.

    LG
    Romi

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    1. Huhu Romi,

      Für mich war es streckenweise halt sehr emotional, wenn man also eher dazu neigt sich mitreißen zu lassen und sich gefühlsmäßig beteiligt und einem auch andere Geschichten die Tränen in die Augen schießen lassen, dann wird es wohl auch hier der Fall sein. Man muss halt in der richtigen Stimmung dafür sein, aber ansonsten war es wirklich sehr schön.

      Liebe Grüße, Melanie

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